Die Erstversorgung des neugeborenen Fohlens

Trotz guter Geburtsüberwachung und komplikationsloser Geburt von reifen und gesunden Fohlen kommt es gerade innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt immer wieder zu Erkrankungen, die zum Verlust der Tiere führen können. Eine häufige Ursache hierfür sind Infektionen, die entweder vor, während oder unmittelbar nach der Geburt stattfinden. Durch ein gutes Management, sorgfältige Hygienemaßnahmen sowie eine umsichtige Erstversorgung des neugeborenen Fohlens können diese Risiken minimiert werden.

Der Nabel

Der Nabel des Fohlens stellt eine der wichtigsten Eintrittspforten für Infektionserreger dar. Bei einem normalen Geburtsverlauf reißt der Nabel an einer präformierten Stelle, ca. 3-4 cm von der Bauchdecke entfernt, ab. Meist geschieht dies bei den ersten Bewegungen des Fohlens nach dem Austritt aus dem Geburtskanal oder den ersten Aufstehversuchen. Eine vorherige Trennung ist nicht notwendig und sollte auch unterbleiben, da nach der vollständigen Entwicklung der Frucht noch eine große Menge Blut von der Mutterstute auf das Fohlen übertragen wird. Sollte der Nabel tatsächlich einmal nicht von selbst zerreißen, so sollte er in keinem Fall mit der Hand zerrissen werden, da es sonst zu Verletzungen der den Nabelgefäßen anhängigen Organe (Blase) kommen kann. Es empfiehlt sich ein sorgfältiges Abnabeln mittels einer Nabelklemme oder durch Abbinden.
In jedem Fall ist der Nabel zu desinfizieren. Hierfür eignet sich eine Jodlösung, die innerhalb der ersten 24 Stunden wiederholt aufgetragen werden sollte, um eine ausreichende Desinfektion und Austrocknung zu erzielen.

Die Biestmilch

Pferde werden prinzipiell „immunkompetent“ geboren, was bedeutet, daß sie bereits von Geburt an Mechanismen besitzen, um sich gegen Krankheitserreger zu schützen. Allerdings ist die Konzentration an Antikörpern im Blut neugeborener Fohlen bei weitem zu niedrig, um dem Infektionsdruck der „Außenwelt“ standzuhalten. Sie sind also auf die Versorgung sogenannter maternaler Antikörper angewiesen, die in hoher Konzentration in der Biestmilch (Kolostrum) vorhanden sind. Diese werden über den Darm des Fohlens in die Blutbahn aufgenommen und schützen es somit vor Infektionen. Dieser Mechanismus zum Übertritt der Antikörper aus dem Darm ins Blut ist allerdings zeitlich begrenzt, so daß gerade in den ersten Lebensstunden eine Aufnahme von Kolostrum immens wichtig ist. Vitale Fohlen saugen meistens innerhalb der ersten 2-3 Stunden zum ersten Mal bei der Mutterstute. Sollte dies aufgrund von Fehlstellungen des Fohlens, einem mangelnden Saugreflex oder einer eventuellen Widersetzlichkeit der Stute nicht möglich sein, so ist eine Versorgung mit Kolostrum durch Abmelken und Verabreichen mittels Flasche oder im Extremfall über eine Nasenschlundsonde möglichst spätestens 6 bis 12 Stunden nach der Geburt unbedingt notwendig.

Das Darmpech

Bereits vor der Geburt beginnt der Verdauungstrakt des Fohlens mit der Produktion von Faeces, dem sogenannten „Darmpech“ oder „Mekonium“. Dieses wird zeitnah zur Geburt ausgeschieden, meist nach dem ersten Saugakt. Da das Mekonium aber eine recht feste und zähe Konsistenz aufweist kommt es nicht selten, vor allem bei Hengstfohlen, zu Schwierigkeiten beim Absatz. Sollte bei solchen Fohlen einige Stunden nach der Geburt noch kein Abgang des Darmpechs beobachtet werden und zeigen diese dafür aber ein vermehrtes Drängen oder „Schwänzeln“, kann die Gabe eines Einlaufes (Klistier) notwendig sein. Viele Züchter wenden diese bereits prophylaktisch nach jeder Geburt eines Hengstfohlens an, da eine Mekoniumverhaltung zu einer ernsten und mitunter lebensbedrohlichen Erkrankung des Fohlens führen kann.

Medikamentöse Prophylaxe

Die Notwendigkeit einer Medikamentengabe beim neugeborenen Fohlen ist von mehreren Faktoren (allgemeine Verfassung des Fohlens, Geburtsverlauf, Erstaufnahme von Kolostrum) abhängig. Bei der bei vielen Züchtern bekannten „Fohlenimpfung“ handelt es sich meist um Injektionen von Vitaminpräparaten, Tetanus-Serum, sogenannten Paramunitätsinducern oder auch in einzelnen Fällen um Antibiotika. Obwohl eine Prophylaxe mit Tetanus-Serum beim für diese Erkrankung höchst empfänglichen Pferd sicherlich einige Berechtigung hat und auch die Paramunitätsinducer sich in der Praxis bewährt haben, ist diese Art der Behandlung nicht unumstritten. Der Einsatz von Antibiotika unterliegt hier, wie auch im Allgemeinen, strengen Indikationskriterien. Diese können zum Beispiel die Geburt in eine Umgebung mit hohem Infektionsdruck (Risikobestand), Geburtsverletzungen oder die sehr späte Aufnahme von Kolostrum und die daraus resultierende niedrige Antikörperkonzentration im Blut des Fohlens sein. Diese kann quantitativ über einen Bluttest (Cite-Test, Glutaraldehyd-Test) ermittelt werden. Eine solche Therapie mit Antibiotika sollte aber, entsprechend den allgemeinen Leitlinien für den Einsatz antimikrobieller Substanzen, über einen Zeitraum von mehreren Tagen weitergeführt werden, um dem Auftreten von Resistenten Erregern vorzubeugen.